Nicole, würdest du dich als freiheitsliebenden Menschen beschreiben?

Ja, sehr!

Wie äußert sich das?

Ich werde, wenn ich mich sehr eingeengt fühle, sehr unruhig und merke: Ich brauch jetzt meine Ruhe. Manchmal, wenn ich zu lange nicht darauf geachtet habe, dass ich meinen Freiraum habe, werde ich auch stinkig. (lacht)

Du schreibst auf deiner Homepage, dass du als Kind mit deinen Eltern aus der DDR geflohen bist. Würdest du sagen, dass inmitten von Enge, z.B. staatlich vorgegeben oder familiär oder körperlich bedingt, Kreativität entstehen kann?

Man schränkt sich oft selbst ein und gibt sich Grenzen. Es braucht ein gewisses Maß an Freiheit, um Kreativität zu leben, weil man sich sonst Manches nicht erlaubt, nach dem Motto: „Das nicht geht.“, oder „Das darf nicht sein.“ Wenn man innen sehr, sehr eng ist, spiegelt sich das auch im Außen wider. Das ist bei Individuen so, aber auch, wenn man das Kollektiv sieht.

Und wie kann man zu innerer Freiheit gelangen?

Durch Bewusstheit. Es ist wichtig, dass man ein Bewusstsein darüber hat, in welcher Situation man ist und wie das Innere aussieht.

Welchen Freiraum nimmst du dir selbst im Alltag?

Ein ganz großes Ding ist, dass man sich nie genug ist und dass man nie genug macht. Es reicht immer alles nicht, man muss immer noch mehr machen und noch besser werden. Ich übe täglich, mir die Freiheit zu nehmen, zu sagen: Das ist jetzt genug; ich bin genug. Ich versuche, mich von dem abzukoppeln, was von außen kommt oder was mir mitgegeben wurde, durch Erziehung, Prägung oder die Gesellschaft. Und dann nehme mir auch mal die Freiheit, ganz ohne schlechtes Gewissen ein Buch zu lesen, während die Kinder draußen sind, oder in Ruhe einen Tee zu trinken, wenn die Kinder in der Schule und Kindergarten sind, und mich nicht gleich auf die nächste Aufgabe zu stürzen.

Als Fotografin scannst du deine Umgebung genau ab. Gibt es für dich eine Farbe oder ein Element, dass für dich Freiheit symbolisiert?

Wenn ich an meine Bilder denke, ist es auf jeden Fall das Licht, aber ich bin eher der dunkle Lichttyp. (lacht) Es gibt viele Leute, die meine Bilder zu dunkel finden, nicht unbedingt wegen des Lichts, sondern wegen der Stimmung, die rüberkommt. Für mich steht die Höhle als Metapher drüber. Und die hat für mich was mit Freiheit zu tun. Ich habe eine Zwillingsschwester, wir waren früher immer zusammen, da war meine Höhle mein Bett. Das war gemütlich, warm und dunkel. Und es war mein Raum. Deswegen mag ich dieses dunkle Licht, das Zusammenspiel von Schatten und Licht.

Gibt es etwas, was du dir von den Einsendungen erhoffst?

Ich finde, man kann einem Bild ansehen, ob es um ein cooles oder perfektes Bild ging oder ob es darum ging, etwas von innen nach außen zu tragen. Ich wünsche mir, dass man sich beim Fotografieren hinterfragt und überlegt, wie es sich gerade anfühlt und warum man dieses Bild macht und nicht ein anderes. Ich wünsche mir, dass die Fotos eine bestimmte Energie transportieren und nicht nur einfach eine schöne Komposition sind.

Danke für das Interview!

Foto: Marc Böttler

Die Arbeiten von Nicole Böttler sind unter www.nicoleboettler.com zu finden.