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Pia, auf deiner Homepage hast du ein Zitat von Picasso: „Learn the Rules like a pro, so you can break them like an artist.“ Wie viele Regeln brauchst du, um frei und kreativ arbeiten zu können?

Regeln würde ich mir inzwischen gar nicht auferlegen. Bei dem Zitat geht es darum, eine Sache wirklich gut zu machen. In einem Bereich wirklich über das, was gängig ist, hinauszugehen. Ein Handwerk gut zu erlernen hat natürlich mit Regeln befolgen zu tun. Irgendwann kann man sie so gut, dass man sie die Frage stellen kann: Wenn ich an die Grenze meines Handwerks stoße, wohin führt mich das? Das finde ich sehr spannend. Bei meiner Fotografie sind das Sachen wie zum Beispiel Gegenlicht, Überbelichtung und lauter so Regeln, die man, wenn man Fotografie studiert nicht so lernen würde, aber weil ich weiß, welchen Effekt ich erzielen möchte, kann ich bewusst „Fehler“ machen – und das sind oft die schönsten Ergebnisse.

Du fotografierst viel analog; hast zum Beispiel die Hochzeit von Manuel Neuer analog fotografiert.

Ja, ich fotografiere hauptsächlich analog. Und bei Manuel wusste ich, das wird in Apulien sein, es wird wahnsinnig schön sein, aber es ist auch wahnsinnig viel Licht; das perfekte Licht für Film. Manuel und Nina haben sich auch ein bisschen gewundert, aber darauf eingelassen – und ich mag die großen Augen, die man inzwischen bekommt, wenn man einen Film aus der Kamera herausholt (lacht). Ich bin nicht so, dass ich keine Digitalkamera anrühren würde, aber ich liebe diese alten Ladies; sie haben Charakter und man macht weniger Blödsinn (lacht). Man achtet im Vorfeld genauer darauf, dass die Bilder auch wirklich gut sind, weil man weiß, dass man sie nicht überprüfen kann, und weil jedes Foto Geld kostet.

Welchen kreativen Freiraum bietet die analoge Fotografie für dich?

Man ist ganz anders im Raum, wenn man nicht einen Screen hat, auf den man immer wieder blickt, um zu überprüfen: War das jetzt gut? Wenn ich etwas Künstlerisches mache, und die Leute mich dafür bezahlen, dass ich da bin und das aufzunehmen, und durch mich durch zu filtern, was passiert; es durch mein fotografisches Auge erzähle, dann möchte ich auch total da sein und nicht mit einem Screen vorm Auge rumlaufen. Analog kann ich alles auch viel leichter alles abhaken. Ich mach das Foto, vielleicht mache ich noch ne zweite Variante, aber dann ist es im Kasten. Ich kann es mir eh nicht anschauen, ob es perfekt ist. Und schwupps ist mein Kopf wieder frei für den nächsten Shot. Und auch für die nächste Begegnung.

Wo hört künstlerischer Freiraum auf?

Künstlerische Freiheit hat keine Grenze. Der Künstler ist ein Entdecker, ein Forscher und insofern kann man ihm nichts vorschreiben. Ich glaube, und das wäre jetzt eher ein guter Rat für junge Künstler als eine Feststellung: Es wird nicht leichter mit mehr Freiraum, denn der ist nicht unbedingt eine Hilfestellung dafür, etwas wirklich gut zu machen. Da sind wir wieder bei Picasso: Du kannst nicht alles können. Such dir aus, was du wirklich können möchtest und lerne, exzellent darin zu sein.

Danke dir für deine Zeit!

 

Foto: Fabijan Vuksic

Die Arbeiten von Pia Clodi sind unter www.peachesandmint.com zu finden.